No autumn

Andreas Kroll

Geisterscheidung

Alle Lampen und Scheinwerfer brannten im überfüllten Verhandlungssaal des Nürnberger Justizpalastes, als Lord Lawrence im Gerichtssaal erschien, um allen Angeklagten die "große Chance des letzten Wortes" zu geben.

Zum letzten Male durften alle Angeklagten von der Anklagebank aus der Reihe nach vor der Öffentlichkeit ihr Schlusswort sprechen.

Zuerst sprach Göring.
Aber nicht mehr der selbstbewusste, zynische Göring von einst. - Sodann nahm Speer das Wort. Er sprach von Verantwortungsbewusstsein, jedoch nicht über ihr eigenes Schicksal. - Hr. Funk und Hr. Schaukel redeten sichtlich bewegt - Hr. Schacht dagegen aggressiv.

Frank sprach leidenschaftlich von Gott und Schuld. Er bekannte im Schlusswort: "Wir haben am Anfang unseres Weges nicht geahnt, daß die Abwendung von Gott solche verderblichen, tödlichen Folgen haben könnte und dass wir gezwungener Maßen immer tiefer in Schuld verstrickt werden könnten. Wir haben es damals nicht wissen können, dass so viel Treue und Opfersinn des deutschen Volkes von uns schlecht verwaltet werden könnten; so sind wir um der Abwendung von Gott zuschanden gworden und mussten untergehen. Es waren nicht technische Mängel und unglückliche Umstände allein, wodurch wir den Krieg verloren haben - es war auch nicht Unglück und Verrat: Gott vor allem hat das Urteil über Hitler gesprochen und vollzogen, über ihn und das System, dem wir in gottferner Geisteshaltung dienten. Darum möge unser Volk, von dem Wege zurückgerufenwerden, auf den Hitler und wir mit ihm es geführt haben. Ich bitte unser Volk, daß es nicht verharrt in dieser Entwicklung und nicht weiterschreitet in dieser Richtung, auch nicht einen Schritt. Denn Hitlers Weg war der vermessene Weg ohne Gott, der Weg der Abwendung von Christus und in allem letzten Endes der politischen Torheit, der Weg des Verderbens und des Todes."

Keitel bekannte sich schuldig und schloss mit den Worten: ich habe geirrt und war nicht im stande zu verhindern, was hätte verhindert werden müssen. Das ist meine Schuld."

So kamen sämtliche einundzwanzig Angeklagten zu Wort. Dann wurden die Akten geschlossen. Das letzte Wort war gefallen. Jeder Angeklagte wurde wieder in seinen Gewahrsam zurückgebracht. [...]

[...] Göring fragte seine Frau, was seine Edda über die ganze Lage gesagt habe. Sie erwiderte, Edda habe gesagt, sie wolle ihren Vati im Himmel wiedersehen. In diesem Augenblick stand Göring auf und wandte sich zum Gehen und zum erstenmal sah ich Tränen über seine Wangen laufen. Als ich ihn ein wenig später in seiner Zelle aufsuchte, sagte er, er sei schon gestorben, als er seine Frau oben verlassen hätte.[...]

Pastor Henry Gerecke, Auszug aus "Geisterscheidung",VCS Schweiz